Elisabeth

Mehr! Theater Hamburg (Rückblick)

Eigentlich spricht die große Resonanz des Erfolgsmusicals "Elisabeth" schon für sich. Das Musical mit den Kompositionen von Sylvester Levay und den Texten von Michael Kunze erzählt die Geschichte der jungen Kaiserin Elisabeth auf anrührende Weise und charakterisiert sie als emanzipierte Figur, die den Zwängen ihres Amtes entkommen will- getrieben von der Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit. Der Kaiser, dem eigentlich Elisabeths Schwester als Braut zugedacht ist, verliebt sich stattdessen in Elisabeth und macht sie zur Kaiserin. Bei Hofe hat die strenge Mutter des Kaisers das Sagen. Für sie hat die eigene Person hinter dem Amt zurückzutreten. Als sie auch noch die Kinder von Elisabeth fernhält, um sie den Sitten des Hofes entsprechend zu erziehen, besinnt sich die Kaiserin ihrer eigentlichen Druckmittel in Form von Schönheit und Taktik. Sie gewinnt mit beidem an Einfluss, bringt dadurch die etablierten Machtgefüge am Hofe ins Wanken. Dem ständigen Druck ist sie nicht gewachsen und flieht, beeindruckt allerdings mit ihrer ungewohnten Trotzköpfigkeit und ihrer zarten Erscheinung dem in diesem Stück ebenso verführerischen Tod. Der würde die Kaiserin gerne in sein Reich führen, aber auch ihm gegenüber erweist sie sich als stur und ablehnend.
Auch er setzt seine Verführungskünste ein, will Elisabeth für sich allein gewinnen- wie auch der Kaiser, der ihr nachreist, um sie zu bitten, nach Wien zurückzukehren.
Aber für die Hauptfigur ist es egal, welchen Liebenden sie erhört. Beide Wege führen sie ihn ein Reich, das ihr nicht bieten kann, was sie sucht, nämlich die Möglichkeit, ganz einfach sie selbst sein zu dürfen.
Die Titelrolle des Stückes bringt es mit sich, dass Roberta Valentini als Elisabeth vorrangig Beachtung zukommt. Allerdings wird schnell deutlich, wie wenig sie auf diese Rollenreferenz angewiesen ist. Ihre Elisabeth hat von Beginn des Stückes an einen sehr herzlichen Charakter, mit dem Roberta Valentini im Handumdrehen das Publikum zu vereinnahmen weiß.
Ihre Titelfigur bekommt daher genau die prägenden Züge, mit denen sich das Publikum auch leicht identifizieren kann. Schließlich finden sich diese Charakterzüge auch in den Songtexten wieder. Elisabeth wird zu einer Kaiserin gemacht, ist aber nicht dazu geboren. Sie würde sich lieber dem Reisen, Reimen, Seiltanz und der Kindererziehung widmen, da sie eine eher verspielte Natur ist. Das wird im Song "Ich gehör nur mir" auch deutlich, wenn es heißt: "Ich möchte vom Drahtseil herabsehen auf diese Welt, ich möchte aufs Eis geh'n und selbst sehen wie lang's mich hält."
Roberta Valentini zeigt eben diese Sehnsucht nach den einfachen Dingen an der Art sich zu bewegen und den suchenden Blicken, die sich am Leben bei Hofe in der Leere um sie herum zu verlieren scheinen. Diese der Rolle auch gerecht werdende Verlorenheit wiederum liefert die Voraussetzung dafür, dass die Figur dem Tod nur mit Mühe trotzen kann. Der hat sich in die Kaiserin verliebt und erscheint ihr immer in den aussichtslosen Momenten, um sie mit in sein Reich zu nehmen. Martin Markert überzeugt in seiner Rolle sowohl stimmlich wie schauspielerisch. Sein selbstverliebter Blick und sein überhebliches Lächeln sind die Erkennungsmerkmale seiner Figur. Denn schon diese Attribute machen ihn für Elisabeth in ihren labilen Momenten unwiderstehlich verführerisch. Die schauspielerische Art und Weise, mit denen beide ihre Figuren verkörpern, fügt sich auf hervorragende Weise in die Interpretation des Duetts "Wenn ich tanzen will". Die Titelfigur beklagt nämlich: "Sie hielten mich an Drähten fest als Puppe, die man tanzen lässt." Aber der ihr nach subjektiver Wahrnehmung zugedachten Rolle als Marionette will sie sich nicht hingeben. Die Flucht aus dieser Rolle aber lässt sie geradezu dorthin laufen, wo der in sie verliebte Tod nur darauf zu warten braucht, sie in die Arme schließen zu können. Hinter ihren Worten "Ich bin stark genug allein" steckt nicht die besungene Stärke. Daher relativiert Roberta Valentini mit fliehenden Blicken ihre Strophen. Das Publikum kann also ihre Gefühlsmomente nachempfinden. Es ist eben diese Identifikation mit der Titelfigur, die sich ein Hauptdarsteller erspielen muss, was die Protagonistin mühelos schafft. Darauf beruht die Überzeugungskraft der Rolle und damit auch die grandiose Adaption des Erfolgsmusicals.
Am Applaus lässt sich heraushören, dass Michael Souschek als heimlicher Star des Abends bezeichnet werden kann. Der gebürtige Argentinier mimt einen herrlich kontrastierten Luigi Lucheni, der wie ein zwischen Ironie und Verachtung schwankender Saison-Italiener wirkt und somit eine dezente Komik ins Stück einfließen lässt. Auch gesanglich fällt Michael Souschek auf. Insbesondere bei dem Lied "Milch" läuft er als Aufrührer zur Hochform auf, indem er bei dieser Nummer quasi als Freistiltenor in vortrefflicher Weise fungiert. Dabei schafft er das, was längst nicht jedem seiner Kollegen in dieser Rolle gleichermaßen gelungen ist: die Solostimme im Intermezzo-Intervall so über den Chorgesang zu legen, dass ein harmonisches Gesamtklangbild entsteht. In gleicher Weise vermag Thomas Hohler als Kronprinz Rudolf alles aus seiner relativ kleinen Rolle herauszukitzeln. In "Die Schatten werden länger" lassen sich Verunsicherung und Verzweiflung aus seiner Mimik herauslesen, die er sehr gut auf seine Gestik abstimmt. Die grotesken Bewegungen im Tanz mit Martin Markert, der ihn der Situation der Figuren entsprechend förmlich im Klammergriff hält und ihn nach seiner Pfeife tanzen lässt, fügen sich auf schlüssige Weise in das Erscheinungsbild, das Thomas Hohler seiner Figur des Thronnachfolgers verleiht. Das Duett ist auch stimmlich gelungen.
Überhaupt ziehen die fragilen Bindungen der Figuren sich in der Inszenierung von Harry Kupfer wie ein roter Faden durch das Stück. So ist bei Maximilian Mann als Franz Joseph schon an seinen wechselnden Blicken zu Elisabeth und seiner Mutter zu erkennen, wie er hin- und hergerissen wird von der Liebe zu seiner Gattin und der anerzogenen Hingabe gegenüber seiner Mutter.
Technisch effektvolle Projektionen, die Räumlichkeiten zaubern und fahrbahre Tische, mit denen bürgerliche Politikbeobachter in einem Kaffeehaus wie mit Auto-Scotern aneinander vorbei oder aufeinander zufahren, sorgen ihrerseits für Überraschung.
Musical-Zeitung.de meint: Die Gastspielproduktion "Elisabeth" im Mehr! Theater ist eine Glanznummer und eine vortrefflich gelungene Inszenierung, die man nicht verpassen sollte.



Pressefoto Szene: Kaiser Franz Joseph & Elisabeth Foto: by Labelle Juliane Bischhoff